Feststellung einer Legasthenie bei Erwachsenen

Eine Legasthenie wächst sich nicht aus. Dementsprechend gibt es in unserer Gesellschaft eine Vielzahl an erwachsenen Legasthenikern, die mehr oder weniger darunter leiden, die Kulturtechniken Lesen und Schreiben nicht ausreichend gut zu beherrschen. Doch lässt sich eine Legasthenie im Erwachsenenalter überhaupt noch feststellen? Und wozu sollte das gut sein?

Legastheniker sind nicht einfach dumm oder faul

Für den deutschsprachigen Bereich sind leider keine gesicherten Daten darüber zu finden, wie viele sekundäre Analphabeten es gibt. Dabei handelt es sich um jene Personen, die zwar die neunjährige Pflichtschule besucht haben, aber dennoch nur unzureichend lesen oder schreiben können. Mitunter liegt der Grund darin, dass eine Legasthenie vorliegt, die jedoch nie festgestellt wurde.

Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden Legastheniker als dumm oder faul abgestempelt. Es wurde schlichtweg geleugnet, dass es so etwas wie Legasthenie überhaupt gibt. Dabei haben viele Betroffene mündlich gute bis ausgezeichnete Leistungen erbracht und galten im technischen bzw. mathematischen Bereich als sehr begabt. Das verwundert kaum, wenn man die pädagogische Definition für Legasthenie nach Kopp-Duller (1995) heranzieht:

Ein legasthener Mensch, bei guter oder durchschnittlicher Intelligenz, nimmt seine Umwelt differenziert anders wahr, seine Aufmerksamkeit lässt, wenn er auf Buchstaben oder Zahlen trifft, nach, da er sie durch seine differenzierten Teilleistungen anders empfindet als nicht legasthene Menschen.

Aus: Der legasthene Mensch

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Entsprechend haben sich viele heute Erwachsene durch ihre Schulzeit gekämpft, aber konnten sich bestimmte Berufswünsche nicht erfüllen, weil ihnen die notwendige Schulbildung fehlte. Wiederum andere haben es trotz Lese- und Schreibproblemen sogar geschafft, einen Universitätsabschluss zu erlangen, ärgern sich aber nach wie vor über ihr Handicap. Einer davon ist Thomas:

Thomas war zwar nie ein Genie im Rechtschreiben, noch weniger im Lesen, doch er hat sich mit viel Mühe und Ehrgeiz einen Universitätsgrad erarbeitet. (…) Doch seine Schwierigkeiten im Schreiben und besonders im Lesen sind geblieben. Die Tatsache ärgert ihn, dass er einfach sehr rasch beim Lesen ermüdet. Er bekommt richtiggehend Zustände wie Schweißausbrüche, so nimmt er an, vor lauter Anstrengung, die Zeilen beginnen plötzlich zu verschwimmen, die Buchstaben hüpfen und drehen sich, Kopfschermzen sind angesagt.

Aus: Legasthenie im Erwachsenenalter

Testverfahren für Erwachsene

Bei einigen erwachsenen Legasthenikern entsteht ein so großer Leidensdruck, dass sie am Ist-Zustand unbedingt etwas ändern wollen. Dann kann es ratsam sein, einen Spezialisten aufzusuchen – im deutschsprachigen Raum sind das Diplomierte Legasthenietrainer – und zu klären, ob tatsächlich eine Legasthenie vorliegt.

Diplomierte Legasthenietrainer arbeiten mit einem Screeningfragebogen, der aus allgemeinen und spezifischen Anamnesefragen besteht. Beispielsweise wird gefragt, ob es Familienmitglieder mit Schreib- und/oder Leseproblemen gibt, ob es eine Abneigung gegenüber dem Lesen und/oder Schreiben gibt/gab, vermehrt Zahlenverwechslungen passieren und die Gedanken beim Lesen und/oder Schreiben häufig abschweifen. Zusätzlich wird eine Fehleranalyse anhand von mitgebrachten Texten bzw. ein Lese-/Rechtschreib-Test durchgeführt.

Wann sollte getestet werden?

Die Testung eines Erwachsenen sollte dann erfolgen, wenn – wie bereits erwähnt – ein großer Leidensdruck besteht und der Betroffene unbedingt seine Lese- und Rechtschreibleistungen verbessern möchte. Weiter oben im Text war von Thomas die Rede, der trotz Universitätsabschluss und gehobener beruflicher Position sehr unter seinen Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten leidet und den starken inneren Wunsch hat, seine Symptome abzuschwächen.

Das ist die ideale Voraussetzung, um „die Sache endlich anzugehen“. Allerdings sollen sich Betroffene darauf einstellen, dass Erfolge nicht über Nacht kommen, sondern viel Geduld und die Unterstützung eines Profis brauchen. Mit der richtigen Didaktik und ausreichend Zeit können auch erwachsene Legastheniker ihre Lese- und Rechtschreibleistungen maßgeblich verbessern.

Das Legasthenie- bzw. Lese-Rechtschreibtraining ist allerdings vom Betroffenen selbst zu bezahlen. Es gibt keine Zuschüsse vom Staat, aber die Aufwände können im Rahmen des Steuerausgleiches geltend gemacht werden.

Eine weitere Gegebenheit, die eine Testung im Erwachsenenalter erforderlich macht, ist, wenn der Arbeitgeber oder eine Behörde ein Gutachten fordert. In manchen Fällen bezahlt der Arbeitgeber dann das Legasthenie- bzw. Lese-/Rechtschreibtraining.

Fazit

Eine Legasthenietestung im Erwachsenenalter ist zwar nicht unbedingt notwendig, aber in manchen Fällen eine gute Entscheidung – insbesondere, wenn ein großer Leidensdruck besteht und der Betroffene unbedingt an seiner Problematik arbeiten möchte. Diplomierte Legasthenietrainerinnen und -trainer sind dann die richtigen Anprechpersonen.

Fragen?

Haben Sie Fragen zum Thema „Legasthenie im Erwachsenenalter“? Dann schreiben Sie mich gerne an!

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